Wie geht man als Autor mit Kritik um?
Da hat man lange an einer Geschichte gearbeitet und die Figuren sind einem ans Herz gewachsen. Man fühlt sich verantwortlich und ist fast schon eine virtuelle Beziehung mit ihnen eingegangen. Dann kommt der Tag, an dem sie flügge werden und dein Haus verlassen. Du hast keinen Einfluss mehr darauf, wie es mit Oliver und Lea weitergeht. Auch das was Kendra mit POTUS vereinbart, liegt nicht mehr in deiner Hand. Dein Einfluss ist eingefroren, denn du hast dein Werk veröffentlicht.
Mit dem Klicken auf „Daten freigeben“ habe ich die Nabelschnur durchgeschnitten und sie eurem Urteil überlassen. Bewertet reichlich, seid ehrlich aber bleibt fair.
Die bisherigen Rückmeldungen zu Q-FINITY waren überwiegend positiv. Darüber habe ich mich gefreut. Kritische Kommentare nehme ich gerne entgegen, solange sie fair, fundiert und nachvollziehbar sind. Es gibt aber auch Kommentare, die ich so nicht stehen lassen möchte. Nicht, weil sie negativ sind, sondern weil sie aus meiner Sicht vorschnell urteilen und zentrale Aspekte meiner Geschichte nicht erkannt haben.
Ich möchte darauf nicht bei Amazon reagieren. Das wäre weder klug noch zielführend. Aber hier, auf meinem Blog, nehme ich mir die Freiheit, ein paar Gedanken dazu aufzuschreiben.
Ein zentraler Vorwurf lautet, der Einstieg leide an einer sogenannten „Ich-Krankheit“. Gemeint ist die Häufung des Wortes „ich“ im ersten Kapitel aus Olivers Perspektive.
Dazu kann ich nur sagen: Ja! Oliver erzählt in der ersten Person Singular. Und zwar bewusst. Wenn ein normaler Mensch, einer wie du und ich, in einer Extremsituation steckt, wenn er Angst hat, schwitzt, friert, zweifelt, sich beobachtet, sich selbst zu überzeugen versucht, dann wird er nicht in eleganten, wohl formulierten Phrasen denken. Er denkt in seiner eigenen Stimme. Und in dieser Stimme kommt das Wort „ich“ nun einmal häufig vor.
Zur Erinnerung ein Auszug aus dem Anfang:
Die Vorbereitung war perfekt. Ich hatte eine Checkliste erhalten, die ich Punkt für Punkt abgearbeitet habe. Alles, was sie angekündigt haben, ist eingetroffen.
Das Sicherheitspersonal im Hamburger TransOcean-Building hat mich ohne Kontrollen durchgelassen. Mein Besucherausweis lag bereit. Darauf heiße ich Jochen Schröter.
Aufzug Nummer 3 wartet in der Lobby. Auch das haben sie vorausgesagt. Als ich eintrete, schließen sich die Türen lautlos hinter mir und der Aufzug setzt sich von selbst in Bewegung. Ich muss keinen Knopf drücken. Die Kameras sind deaktiviert. Alles läuft nach Plan.
Mein Ziel: das oberste Stockwerk. Dort ist das Büro meiner Zielperson.
Das TransOcean-Building gehört zu den exklusivsten Geschäftsadressen Hamburgs. Von hier oben könnte man auf den Fluss, den Hafen und die Elbphilharmonie blicken. Wenn man lebt und nicht vorhat, einen anderen Menschen zu töten.
Ich versuche mich heranzuschleichen, aber jeder Schritt kostet unglaublich viel Kraft. Es ist fast so, als ob ich mit Schneeschuhen durchs Watt wandere. Im Halbdunkel trete ich durch die nördlich gelegene offene Tür. Ein leichter Luftzug streicht mir über den Rücken. Mir fehlt die Muße, das zu genießen.
Lautlos betrete ich das Büro. Für einen Moment weiß ich selbst nicht mehr, was ich hier eigentlich bin: Besucher, Eindringling, Attentäter?
Man kann diesen Ton mögen oder nicht. Darüber lässt sich streiten. Aber er ist bewusst gesetzt um einen Menschen in einer Grenzsituation zu beschreiben. Das ist nicht der Ton eines polizeilichen Vernehmungsprotokolls und auch nicht die Sprache einer schlecht übersetzten Bedienungsanleitung, sondern die Gedanken eines Mannes in einer Situation ohne Ausweg. Obwohl Oliver Marketingdirektor in einem Konzern ist, kann er in seiner Not keine geschliffenen Formulierungen bieten und schon gar nicht, cool oder literarisch korrekt auftreten. Er ist angespannt, überfordert und innerlich zerrissen.
Ein weiterer Vorwurf betrifft die gerne als Kritik vorgetragene Bezeichnung des „Infodumpings“. Auch hier gilt: Manches mag man als Leser zu viel finden. Das weiß ich und das akzeptiere ich. Aber nicht jedes Detail, das im ersten Kapitel noch wie Beiwerk erscheint, ist tatsächlich überflüssig. Einige Dinge sind bewusst gesetzt und spielen für den weiteren Verlauf der Geschichte eine entscheidende Rolle. In späteren Passagen, in denen meine Figuren über Schrödingers Katze, das Großvaterparadoxon oder die Beschaffenheit des Sonnenlichts sprechen, mag man über Infodumping diskutieren. Fürs erste Kapitel hingegen trifft das noch nicht zu.
Interessant finde ich auch den Einwand, Oliver sei psychologisch inkonsistent: erst zitternder Amateur, dann angeblich plötzlich eiskalter Analyst. Genau das sehe ich anders. Für mich dokumentiert dieses Verhalten seine Überforderung. Oliver wird nach der Tat nicht cool. Er wird hektisch rationalisierend. Er redet sich sein Handeln schön, weil er es anders nicht ertragen kann. Dass sich ein Mensch nach so einer Grenzüberschreitung innerlich rechtfertigt, erscheint mir nicht unlogisch, sondern sehr menschlich und nachvollziehbar.
Erinnern wir uns an die ersten Sätze des Buches:
Es ist nicht leicht, einen Menschen zu töten. Für viele ist es das Schlimmste überhaupt. Ich bin einer von ihnen.
Ähnlich verhält es sich mit der Frage, warum jemand bei einem Gewinn von 120 Millionen Euro nicht einfach verschwindet. Auch hier nehme ich den Einwand zur Kenntnis, empfehle aber, weiter zu lesen. Schon im nächsten Kapitel treten Umstände auf, die diese Frage ad absurdum führt. Wer glaubt, Geld allein garantiere Freiheit, unterschätzt möglicherweise die Macht einer Instanz, die in der Lage ist, Lottozahlen zu manipulieren, und zwar im Voraus. Mit solch einem Gegner willst du dich nicht anlegen. Vielleicht hätte ich das an dieser Stelle noch schärfer herausarbeiten können. Aber unglaubwürdig wird der Gedanke dadurch nicht.
Was mich an solchen Rezensionen wirklich stört, und dabei stelle ich mich schützend vor meine Figuren, ist nicht ihre Strenge. Damit kann ich leben. Es ist der Eindruck, dass hier schon sehr früh ein Gesamturteil gefällt wird, als ließe sich nach wenigen Seiten abschließend entscheiden, ob einem Roman psychologische Tiefe, Rhythmus oder erzählerische Qualität fehlen. Es ist natürlich das gute Recht eines jeden Lesers. Aber es bleibt eben ein sehr schnelles Urteil, basierend auf der Tat eines einzigen Mannes, Oliver Reinders, in Hamburg. Bedauerlicherweise hat man erst im Verlauf der Geschichte die Möglichkeit auch Lea, Kendra, Nash, Jane, Vittorio, Arav, Mick und Jonas kennenzulernen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Autor und Leser manchmal aneinander vorbeisehen.
Ich nehme Kritik ernst. Wirklich. Ich bin auch weit davon entfernt zu glauben, dass an meinem Text nichts zu verbessern wäre. Im Gegenteil. Aber ich finde, man darf als Autor ebenfalls sagen: Diese Lesart teile ich nicht. Diese Kritik überzeugt mich nicht. Und manche Vorwürfe beruhen vielleicht weniger auf handwerklichen Fehlern als auf einer Entscheidung, die dem Leser schlicht nicht gefallen hat.
Auch das ist Literatur.
Ich werde Rezensionen auf Verkaufsplattformen lesen, und zwar alle, aber keinesfalls dort kommentieren. Dort sollen Leser frei urteilen können. Aber hier, auf meinem Blog, nehme ich mir die Freiheit, ab und zu zu loben oder zu widersprechen. Besonders, wenn ich das Gefühl habe, dass ein Urteil meinem Buch und meinen Protagonisten nicht gerecht wird.
Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann bei Amazon eine Textprobe herunterladen oder noch besser, das Buch kaufen (soviel Eigenwerbung mag an dieser Stelle erlaubt sein). Und falls das eine oder das andere nicht funktioniert, reicht eine Nachricht über mein Kontaktformular. Ich werde (fast) sofort aktiv.

Da hat man lange an einer Geschichte gearbeitet und die Figuren sind einem ans Herz gewachsen. Man fühlt sich verantwortlich und ist fast schon eine virtuelle Beziehung mit ihnen eingegangen. Dann kommt der Tag, an dem sie flügge werden und dein Haus verlassen. Du hast keinen Einfluss mehr darauf, wie es mit Oliver und Lea weitergeht. Auch das was Kendra mit POTUS vereinbart, liegt nicht mehr in deiner Hand. Dein Einfluss ist eingefroren, denn du hast dein Werk veröffentlicht.
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