Kapitel zwei.

Deutschland, Hamburg, TransOcean-Building

Von Hamburg geht es nach Bremen . Oliver hadert immer mehr mit seiner Tat und sucht Entschuldigungen. „Wenn ich es nicht gemacht hätte, wäre ein anderer gekommen.“ In Bremen erwartet Oliver eine Überraschung.

Zum ersten Mal kommt  Intertemporale Kommunikation als Machtinstrument in den Focus. 

Kapitel 2 stellt immer mehr Fragen, die wir unter normalen Umständen niemals zulassen würden.

Ist Michel Chang wirklich in Hamburg gestorben.

Wurde Olivers Honorar wirklich gezahlt.

Wer ist der mysteriöse Auftraggeber mit Namen a.firend?

Antworten auf alle Fragen finden Sie [hier].

Ich steige in meinen Mietwagen, starte den Motor und fahre los. Das Ticket für die Ausfahrt habe ich bezahlt und darauf geachtet, es nur mit Einweghandschuhen anzufassen. Die Schranke geht auf. Ich fahre hinaus. Bis hierhin läuft alles glatt.
Auf der Straße ist wenig Verkehr, zumindest für Hamburger Verhältnisse. Ich warte die ganze Zeit auf heranstürmende Streifenwagen. Sie kommen nicht.

Vor der Brücke könnten sie eine Straßensperre errichtet haben, um den Mörder von Michael Chang zu finden. Dem ist aber nicht so. Keine Kontrollen, kein Stau, ich fahre unbehelligt weiter. Niemand hält mich an.
Ich schaue auf die digitale Uhr im Fahrzeug. Es ist 19:47 Uhr. Ich lebe. Ich bin frei. Es geht mir gut.
Michael Chang lebt nicht mehr.
Er hat es überstanden und ich habe 120 Millionen Euro verdient.

Das reicht aus für viele sorgenfreie Leben in Wohlstand.
Vorausgesetzt, Geld ist das entscheidende Kriterium.
Ich fahre weiter in Richtung Autobahn. Alles bleibt normal. Niemand steht bereit, um mich zu verhaften.
Ich höre den NDR. Mein Mord wird nicht erwähnt.
Im Radio spielen sie Oldies. Beatles, Stones, Bob Dylan, Johnny Cash. Die Musik der Boomer. Musik, die ich kenne. Musik, die mir gefällt.

Ich fahre aufmerksam weiter, bald bin ich auf der Autobahn. Das Distance-Control-System in meinem Auto ist eingeschaltet. Das stand auf der Liste. Geblitzt zu werden, würde mir gerade noch fehlen. Ich fahre über die Elbbrücken Richtung Veddel.
Diese Route wurde mir vorgeschrieben.
»Vermeide den Elbtunnel«, haben sie gesagt.
Bald habe ich die Stadt verlassen. Dann fahre ich weiter in Richtung

Bremen. Dort habe ich am Nachmittag ein Zimmer im Park-Hotel bezogen.
Davon stand nichts auf der Liste. Das ist mein eigenes Drehbuch. Ich habe dort immer mal wieder übernachtet. Für morgen ist ein Meeting mit einer Werbeagentur geplant. Das ist mein Alibi, wenn auch nicht das Beste.
Ein Blitzer taucht vor mir auf. Fest installiert. Den kenne ich. Der Blick auf den Tacho bestätigt, dass die Geschwindigkeit passt.
Was werde ich machen?

Nach Bremen fahren.
Das Auto in der Nähe des Park-Hotels abstellen.
Zu Fuß weiter zum Hotel gehen.
Dann ein oder zwei Beck’s in der Hotelbar nehmen, damit man sich an mich erinnert.
Mein Auto hat das Park-Hotel nicht verlassen, und Jochen Schröter, der perfekte Mörder, gibt den Leihwagen morgen früh bei Europcar wieder ab.

Dann läuft Oliver Reinders die acht Kilometer zurück, kommt verschwitzt von seiner morgendlichen Joggingrunde im Park-Hotel an, duscht, frühstückt und checkt aus.
Ich bleibe auf der Autobahn und fahre mit Richtgeschwindigkeit 130 weiter nach Bremen. Nicht zu schnell und nicht zu langsam. 120 Millionen Euro warten auf mich. Dafür kann man sich zusammenreißen.
Eine Stunde später erreiche ich Bremen. In der Hollerallee stelle ich mein Auto ab.

Bis zum Hotel sind es 1000 Meter, die ich zu Fuß zurücklege.
Ich treffe dort genau um 22:17 Uhr ein und sage zum Personal an der Rezeption: »Heute ist so ein schöner Sommerabend, einfach perfekt für einen kurzen Spaziergang durch den Park.« »Ist die Bar noch geöffnet?«
»Ja, natürlich, bis 24 Uhr«, entgegnet die Bedienstete am Counter. »Gehen Sie dort unten nach links, dann kommen Sie direkt in die Bar. Einen schönen Abend für Sie.«

»Danke«, entgegne ich, »für Sie auch — oder besser gesagt: ein frohes und stressfreies Schaffen noch.«
Die beiden Angestellten lächeln und nicken mir freundlich zu. Was sie antworten, nehme ich nicht mehr wahr, da ich bereits in Richtung Hotelbar abgebogen bin.
Ich setze mich in einen Loungesessel in einer Ecke des Raumes und bestelle ein Beck’s.

Der Barmann kommt mit einer Flasche, einem Glas und einer Schale Nüsse auf einem Tablett und fragt: »Darf ich einschenken?«
Ich entgegne: »Darf ich aus der Flasche trinken?« und weiß bereits, was er antworten wird: »Das wäre mir am liebsten.« Die Nüsse stellt er auf den Tisch. Das Glas nimmt er wieder mit.
Jetzt, in dieser vertrauten Umgebung, fühle ich mich sicher. Die Anspannung fällt ab. Nach einem ersten langen Zug spüre ich, wie Leichtigkeit und

Entspannung durch meinen Körper fließen. Mein limbisches System produziert endlich Endorphine. Ich leere die Flasche in einem Zug und bestelle eine zweite.
»Jetzt hast du den Sack zugemacht und dabei ein Schweinegeld verdient«, sage ich mir. »Was für ein Stundenlohn! Aber zu welchem Preis?«
Ich bin ein Mörder. Das ist ein Fakt. Aber warum soll ich mich aufregen? Wieso denke ich überhaupt darüber nach? Die Sache ist gelaufen.

Ich sehe mir noch schnell meine E-Mails an.
Nichts Besonderes. Rückfragen aus dem Büro. Ein Kollege schlägt mir die Werbeagentur eines Golfpartners vor. Er glaubt, dass wir dadurch Geld sparen können. Aber wir kommunizieren nicht, um Geld zu sparen, sondern um Botschaften zu transportieren, damit wir unsere Vertriebsziele erreichen. Ich werde mit dem Mann reden, später.
Wie an den meisten Tagen in den letzten zwei Wochen kann ich dem

Drang, meinen Kontostand zu kontrollieren, nicht widerstehen. Die vielen Nullen vor dem Komma sind atemberaubend und besser als Sex und jedes Dope, das ich in meinem Leben schon probiert habe. Mein Hirn wird augenblicklich von Endorphinen geflutet. Direkt und intensiv.
Was ich dann erlebe, ist für mich ein Superkick. 100 % Glück, 100 % Adrenalin und 100 % Testosteron. Ich bin der Größte!

Die App mit meinem Kontostand ploppt auf:
—2.375,00 Euro
Was ist das?
Mir wird schlecht!
Ich schaue noch einmal hin.
—2.375,00 Euro
Das kann nicht sein.

Ich sehe ein drittes Mal hin.
—2.375,00 Euro
Wo sind meine Millionen?
Ich rufe die Kontobewegungen auf.
Das Geld wurde meinem Konto gar nicht gutgeschrieben.
Alle anderen Kontobewegungen scheinen zu stimmen. Nur der Superkick ist nicht mehr da.

Mir wird heiß. Mein Mund ist schlagartig ausgetrocknet. Ich kann kaum sprechen.
Ich verspüre ein Schwindelgefühl.
Ich befürchte, in den nächsten Sekunden das Bewusstsein zu verlieren.
Meine Augen flimmern, ich bekomme Sehstörungen — vermutlich die Aura vor einem Migräneanfall.
Ich muss mich zusammenreißen. Einen Schwächeanfall kann ich mir nicht leisten.

Ich sehe ein drittes Mal hin.
—2.375,00 Euro
Wo sind meine Millionen?
Ich rufe die Kontobewegungen auf.
Das Geld wurde meinem Konto gar nicht gutgeschrieben.
Alle anderen Kontobewegungen scheinen zu stimmen. Nur der Superkick ist nicht mehr da.

Fortsetzung folgt.

Bereit für Kapitel Zwei ? Wie es weiter geht können Sie hier herausfinden.